Wir sind beide sogenannte Quereinsteiger und haben viele Ideen und Pläne. Jedoch möchten wir zunächst den Rhythmus eines ganzen Jahres im Weingut erleben und Erfahrungen sammeln, bevor wir mit den Veränderungen beginnen und das Weingut nach unsere Vorstellungen verändern.
(Urban Kaufmann im Frühjahr 2014)

Und genau so haben wir es dann auch gemacht. Ende 2014 fingen wir an, uns Gedanken über die Einführung einer neuen Etikettengestaltung zu machen, die wir im Herbst 2015 erstmals vorstellten. Parallel dazu begannen wir mit den Plänen für den Umbau und eröffneten im Sommer 2016 „Kaufmanns Weinladen“ – unsere Vinothek. Nachdem der 3. Jahrgang, den Urban Kaufmann als Kellermeister selbst verantwortet, unter dem Kaufmann Label vermarktet wird, war es an der Zeit, dass wir nun auch das Weingut umbenennen.

Die Marke Hans Lang werden wir auch weiterhin für unsere weißen Burgunderweine im Einstiegssegment, für Projektweine oder im Export nutzen. Denn schließlich gibt es keinen Grund auf diese renommierte und bestens eingeführte Marke unseres Vorgängers gänzlich zu verzichten.

Es gab einen VDP.Kollegen, der mir 2 Wochen nach der Ernte sagte, dass die 2014er Ernte die schwierigste seiner bisherigen Erfahrung gewesen sei. So schwierig hatten Urban und ich die Ernte eigentlich nicht empfunden, wir kannten es ja nicht anders. Ein wenig anstrengend war es natürlich, aber dass der Winzertag nicht nur 8 Stunden hat, das wußten wir ja schon. Das Schlimmste an diesen letzten beiden Wochen der Lese (die ersten beiden Wochen ab Mitte September war das Wetter noch wunderbar) war im Rückblick der tägliche Blick auf den Wetterbericht mit dem Regenradar, verbunden mit der Frage, auf die niemand eine Antwort hatte: wird es in absehbarer Zeit doch nochmal trocken und sonnig werden…? Diese Ungewissheit und die damit verbundene Unsicherheit, wie wir das Lesemanagement für den nächsten Tag gestalten sollen, das war für schon etwas nervenaufreibend. Also doch eine schwierige Ernte… Doch damit sind wir ja nun gut gewappnet auf das was kommen mag und egal wie schlimm es kommt – wir haben eine Ernte mehr Erfahrung als in 2014…

Die Gärung verlief wunderbar zügig und wir waren froh, dass wenigstens ein Fass in der Gärung stehengeblieben ist, denn diese Restsüße brauchen wir jetzt, um dem ein oder anderen trockenen Wein noch etwas mehr Balance in Form von ein paar Gramm Restzucker mit auf den Weg geben zu können.

Und dann kamen ab dem Januar die ersten spannenden Momente der Jungweinproben, mal alleine bei uns im Weingut, mal zusammen mit Kollegen und Experten und schließlich bei den ersten offiziellen Präsentationen wie der ProWein in Düsseldorf und der Weinbörse in Mainz.

Seit wir die Entwicklung eines Weines vom Fass bis hin auf die Flasche und anschließender Flaschenreife so hautnah erleben, wird uns bewußt, dass jede Einzel-Verkostung eines Weines nur eine ganz kurze Momentaufnahme im Leben eines Weines reflektiert, so wie eine einzige Seite in einem dicken Familien-Fotoalbum.

So hat der Geschmack des Weines so lange er noch auf der Hefe liegt kaum Ähnlichkeit mit dem gefilterten Wein. Und einmal gefiltert schmeckt der Wein bei jeder Probe anders, sei es weil man selbst in jeweils anderer Stimmung ist, sei es weil der Wein mal wieder einen gewaltigen Entwicklungssprung seit der letzten Probe gemacht hat. Nur wenige, der ganz herausragenden bzw. anders schmeckenden Fässer erkennt man immer wieder – auch in einer Blindprobe – heraus.

Bis dann der Tag der Abfüllung kommt. Der Wein scheint in einer Art Schockzustand und wir werden es tunlichst vermeiden, ihn künftig früher als 3 Wochen nach der Abfüllung zu verkosten, so deprimiert waren wir nach der Verkostung der ersten Abfüllung des 2014er Gutsweines…

Beseelter Wein und dann so ein Abfüll-Monstrum. Muss da der Wein nicht geradezu in einen Schockzustand fallen…?

Umso glücklicher waren wir dann, dass unser erster Jahrgang bei der ProWein und Weinbörse mit viel Lob bedacht wurde. Und auch wir haben natürlich den ein oder anderen Kollegenwein verkostet und fanden unsere „Babys“ mindestens genauso schön. Und ganz sicher nicht nur, weil das  frischgebackenen Eltern eben immer so geht 🙂

Ob unsere Erziehung jedoch in genau die von uns gewünschte Richtung geführt hat, das werden wir erst in ca. 6 Monaten sehen, dann werden die Weine aus ihrem Pubertäts-Stadium hinaus sein, sich in ihrer ganzen Schönheit zeigen und sicher manch bisher ungeahnten, ganz eigenständigen, Charakterzug entwickelt haben.

Klarheit, Präzision und Rückrat zeigen Sie auch heute schon – die Anlagen für etwas ganz Großes sind also gelegt…

 

Warum dieser Blog?

29. Oktober 2014 | von Eva in Allgemein | Persönliches - (3 Comments)

Bislang gibt es nur sehr wenige Reaktionen auf meinen Blog. Ich habe ihn auch noch nicht nachhaltig beworben, außer einem Hinweis auf Facebook und einmal in unserem Kunden-Newsletter. Bin gar nicht sicher, ob es überhaupt jemanden interessiert, und daher auch etwas zurückhaltend, denn eigentlich schreibe ich diesen Blog für mich selbst. Die Öffentlichkeit des Blogs ist nur der selbstgemachte Druck den ich brauche, um auch durchzuhalten. Eigentlich bin ich seit meiner Pubertät (bei diesem Wort vermisse ich ein Rechtschreibprogramm in meinem Blog…) Tagebuchschreiberin – zugegeben mit großen Lücken. Aber wichtige Briefe, auch welche, die ich selbst geschrieben und dann kopiert habe, hebe ich immer auf. Man lernt beim Nachlesen der Tagebücher und Briefe (heutzutage sind es die Mails) so viel über sich selbst und warum ich so geworden bin, wie ich bin. Natürlich ist mir eine Grundstruktur im Wesen bereits in die Wiege gelegt worden, aber ich bin überzeugt, dass das Leben und vor allen Dingen die ersten 15 Jahre im Leben (aber auch alle weiteren Lebensjahre) diese Grundstruktur enorm beeinflussen und dabei einige Charakteristika verstärken und andere fast ausblenden können. Und im Nachlesen bzw. Bewusstwerden was da mit mir und um mich geschehen ist, erkenne ich mich selbst. Wenn ich mich selbst erkenne dann kann ich auch zu mir stehen, oder eben versuchen, mich zu verändern. Auch davon bin ich überzeugt, spätestens seit ich Gerald Hüthers „Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn“ gelesen habe: der Mensch kann sich sein ganzes Leben lang verändern. Seine Verhaltensweisen sind nicht mit der Geburt vorprogrammiert, sondern die Erfahrungen des Lebens graben einige Schaltmuster und Mechanismen in das Gehirn ein. Im Unterschied zum Tier ist der Mensch jedoch zeit seines Lebens in der Lage, neue Schaltmuster und Mechanismen dazuzulernen und andere zu vergessen.

Beweis dieser Theorie bin ich selbst – und Urban. Zugegeben noch befinden wir uns mitten in der Beweisführung und es kann uns noch nicht attestiert werden, dass wir unsere neuen Schaltmuster bereits erfolgreich einsetzen. Aber wir selbst spüren intensiv, dass wir mit jedem Tag etwas sicherer werden und dass unser neues Leben gelingen wird.

Und damit dieser Prozess, den zu erleben wir als einmaliges Geschenk empfinden, nicht vielleicht eines Tages vom Alltagstrott überschattet und vergessen wird, möchte ich diesen Blog schreiben.

Natürlich könnte ich auch wie bisher „nur“ Tagebuch schreiben, aber es gibt so viele Menschen, die uns mit Ihren Worten, Gedanken und Wünschen auf unserem Weg begleiten, die ein echtes Interesse an uns haben. Und diesen Menschen ist dieser Blog vor allen Dingen gewidmet.

Und warum ich gerade heute so philosophisch werde? Die Redakteurin des Zeit-Magazins Heike Faller war heute zum Abendessen bei uns. Sie hat vor einigen Monaten das Thema Wein entdeckt – nicht in erster Linie als Genussmittel für sich selbst, sondern eher als Stoff für ihr Buch, das sie plant in 2016 zu schreiben. Worum genau es in diesem Buch geht, weiß sie noch nicht, das recherchiert sie gerade und es besteht eine klitzekleine Chance, dass es sogar die Geschichte von Urban und mir und dem Weingut Hans Lang sein wird. Aber egal ob unsere Geschichte oder etwas ganz anderes. Mich hat Heike Faller mit ihren gezielten, professionellen und gleichsam einfühlsamen Nachfragen extrem inspiriert und motiviert, unsere Geschichte hier zu erzählen und für Alle, die es jetzt oder irgendwann später interessiert, festzuhalten.

Denn es ist eine faszinierende und spannende – allerdings vom Alltag bedrohte – Geschichte…. Darum also dieser Blog…

Alltag

28. Oktober 2014 | von Eva in Allgemein - (0 Comments)

Der Arbeitsplatz einer strukturierten Frau

 

Eigentlich wollte ich heute die Erfahrungen unseres Erntedankfestes aufarbeiten und fein säuberlich nachrechnen und strukturiert festhalten, damit ich beim nächsten Tag der offenen Tür auf gute Kalkulationsgrundlagen zurückgreifen kann. Ganz so, wie ich es in meinen VDP Zeiten gehalten habe. Doch mit dem Unterschied, dass ich dort je nach Anlass aus mindestens 2-3 Mitarbeiterinnen diejenige ernennen konnte, wer für diese Nacharbeit nun jeweils am besten geeignet war bzw. auch die zeitlichen Kapazitäten hatte.

Heute dagegen hatte ich weder die Wahl noch die Zeit es selbst zu tun-  und ich frage mich, liegt es daran, dass wir zu wenig Mitarbeiter haben, oder daran, dass die Aufgaben in einem Weingut doch noch vielfältiger und fordernder sind als beim VDP, oder liegt es einfach daran, dass wir einfach immer noch in der Einlernzeit sind und dass es – wie es auch beim VDP war – mindestens 3 Jahre braucht, bis wir unsere Aufgaben einigermaßen im Griff haben werden. …? Ich fürchte es ist von allem etwas dabei…

Das Bild, das ich heute von meinem Schreibtisch aufgenommen habe, spricht Bände…. und paßt eigentlich gar nicht zu mir – zumindest nicht, dass es auch jetzt noch nicht viel besser aussieht. Aber was ist das so alles, was mich beschäftigt und was ich jeweils nicht zu Ende bringen kann, bevor schon wieder die nächste Aufgabe an mich herangetragen wird?

Da kommt eine Anfrage unseres Exporteurs für einen Kunden in Taiwan, der edelsüße Weine nachfragt, die er bereits 2011 schon mal bezogen hat… Also Abgleich der Bestandsliste, stelle fest, dass die angefragten Flaschengrößen nicht mit der damaligen Bestellung übereinstimmen, Rücksprache und schließlich Bestand im Keller nachzählen und endlich eine Angebotsmail formulieren.

Ein Kunde aus Deutschland hatte schon am Donnerstag 6 Einzelflaschen aus dem Rariätenangebot, das ich in Form einer Exeltabelle für ihn erstellt habe, bestellt. Darunter echte Raritäten, wie eine 1975er BA oder eine 2001 er Auslese Goldkapsel, für die es (noch) keine Etiketten im Hause gibt, geschweige denn eine Artikelnummer im System usw… Und die Weine sollen spätestens morgen versendet werden.

Dazwischen treffen Bestellungen ein, für die Aufträge geschrieben werden müssen, ein Kunde möchte am Telefon beraten werden, dann kommt am Nachmittag die Spedition und holt die Paletten für Hamburg und Berlin ab, unser Pole Zennon braucht dringend Rückenetiketten vom Spätburgunder, die ich auf dem Termotransferdrucker selbst ausdrucke und dazwischen versuche ich in der Organisation und Planung für zig Veranstaltungen anlässlich der Glorreichen Rheingau Tage voran zu kommen: Meldung der Charta Weine für „30 Jahre Charta“, Meldung der Weine für die Veranstaltung im Kempinski Falkenstein am Samstag, Meldung der Weine für die Riesling Gala, Abstimmung der Zu- und Absagen zur Riesling-Gala, Check wer die Karten für „Wein und Speisen“ am Sonntag bezahlt hat usw, usw, usw….

Mir wird selbst gleich schwindelig bei all den Themen und damit ich morgen doch noch etwas vorankomme und vielleicht dann ein passables „vorher-nachher Bild“ hochladen kann, gehe ich jetzt schlafen….

 

 

Die Hattenheimer Fässer

23. September 2014 | von Eva in Weingut - (0 Comments)

Zum zweiten Mal in diesem Jahr begann heute die Woche unseres Ausschanks an den Hattenheimer Fässern. 15 Winzer betreiben diesen Ausschank in den Rheinanlagen und sind dort wochenweise abwechselnd vertreten. Das erste Mal im Juni war ich noch sehr angespannt mit allen Vorbereitungen, denn mein eigener Leistungsdruck war wieder mal hoch. Ich wollte alles etwas netter darbieten und etwas ausgewähltere Kleinigkeiten zum Essen anbieten, als das manch unserer Kollegen tut. Vielleicht war es auch gar nicht Leistungsdruck, sondern einfach meine gastronomische Ader, die hier durchschlug.

Wir waren überrascht, wie viele Menschen hier unten an den Rhein kommen, trotz relativ schlechtem bzw. durchwachsenen Wetters im Juni. So waren wir am Ende ganz zufrieden mit den Umsätzen, doch eine andere neue Erfahrung war noch wichtiger für uns. Dort unten an den Fässern, trifft „man“ sich in Hattenheim und so lernten wir in dieser Woche sehr viele Hattenheimer und Rheingauer kennen und fühlten uns als Teil dieser Gemeinschaft. Ein weiterer Schritt für uns auf dem Weg zum „Ankommen“. Und nicht nur die Unterhaltung mit den Menschen, sondern auch die Erfahrung dort zu stehen und als die „Neuen“ im Weingut Hans Lang wahrgenommen – und sicher auch ein Stück beobachtet – zu werden, hat sehr geholfen hier heimischer zu werden.

Ja, und wie gesagt, heute war dann der erste Tag der Herbst-Ausschankwoche. Also keine ganz neue Erfahrung mehr und umso schöner, weil das Gefühl von Routine – in unserem neuen und so völlig anderem Leben – richtiggehend Glückshormone bei uns auslöst.

Damit er sich ganz den Erntevorbereitungen widmen kann, bleibt Urban heute zu Hause und ich präsentiere unsere Weine im Frankfurter Palmengarten ohne ihn. Nach ProWein, Weinbörse und Berlin und der Versteigerung ist es jetzt dass fünfte Mal, dass ich zusammen mit den anderen Winzern mit meiner Sackkarre und dem Easy-Cooler kurz vor Beginn der Veranstaltung anreise und mich keinen Deut darum scheren muß, was das VDP Team vorbereiten mußte damit die Veranstaltung gelingen kann.

Noch immer beschleicht mich ein komisches Gefühl, so wie es immer  ist, wenn man sich nicht ganz sicher in seiner Haut fühlt und gerade dann glaubt, alle Augen auf sich gerichtet zu sehen. Die Begrüßung meiner Kollegen Winzer ist wie immer sehr herzlich und doch frage ich mich gelegentlich was sie wirklich so denken. Ich bin sicher, die Allermeisten freuen sich mit mir, einige bangen sicherlich auch um mich und Urban und unseren Erfolg in der Szene und ein paar wenige werden wohl argwöhnisch beobachten, ob die ehemalige Geschäftsführerin des VDP nicht per se einen Wettbewerbsvorteil aufgrund Ihrer beim VDP gesammelten guten Kontakte in der Szene genießt. Letztere Gruppe könnte ich, sollten sie mir je ihre Gedanken  gestehen, beruhigen. Allein die Besucherfrequenz an unserem Weinguts-Stand auf den vergangenen Veranstaltungen spricht eher für die zweite Gruppe, die sehr wohl weiß, dass es nicht einfach ist, sich in der Weinwelt zu behaupten und schon gar nicht, richtig erfolgreich zu sein.

Aber trotz meines „Schattendaseins“ als Nachbar neben dem berühmten Weingut Künstler, das ständig von Besuchern umlagert wird, bin ich nicht unzufrieden mit den Kontakten der Frankfurter Präsentation, auch wenn dabei wohl eher nicht das große Geschäft rumkommen wird.

Auch das ist eine der neuen Erfahrungen, die wir gerade sammeln:

Wie sind die Gespräche mit den Besuchern der Messen zu beurteilen? Wird es Kontakte geben, aus denen „mehr“ wird als unverbindliches Verkosten? Was darf man von den positiven Kommentaren zu den Weinen halten? Sind sie ehrlich gemeint, oder macht man das einfach? Und nicht zuletzt, wie präsentiere ich mich, wie wirke ich in meiner neuen Rolle, was erwidere ich auf diverse Kommentare usw, usw,….